Nepal.

Never ending peace and love

Text: Jan Zeller

Foto: Florian Schmitt

Namaste.
Spricht Flo über den Nepal, dann leuchten seine Augen. Sein Blick, seine Mimik, irgendwo verortet zwischen Melancholie und Euphorie. Flo ist Fotograf und studierter Mediziner. Als er die Chance hatte, vier Wochen in einem nepalesischen Krankenhaus zu arbeiten, zögerte er keinen Moment lang. Abenteuer, Erfahrung und Selbsterfahrung: Dieses frühere Königreich, zwischen Indien und Tibet gelegen, ist noch einer dieser mysteriösen Sehnsuchtsorte. 

Flo half und behandelte einen Monat lang vor Ort als Famulant in der Chirurgie, danach bereiste er mit Freunden noch für vier Wochen das Land. Fragt man den gebürtigen Pfälzer, was ihn an Nepal am meisten beeindruckt hat, sprudelt es nur so aus ihm heraus: die Menschen, die Landschaft, die Mentalität, die Kultur, das Essen. Eigentlich alles. 

Flo seine Reise führte ihn damals zuerst in die Hauptstadt Nepals, nach Kathmandu. Rund zwölf Stunden Flugzeit, bis er auf der Landebahn des einzigen internationalen Flughafens des kleinen Landes wieder Boden unter den Füßen hatte. »Kathmandu ist eine andere Welt: Überall jagen quietschbunte Rikschas und trötende Tuk Tuks durch die Gassen, vorbei an uralten hinduistischen und buddhistischen Tempeln.« Kathmandu hat auch gelitten, zuletzt bei den beiden verheerenden Erdbeben im Frühjahr 2015, das konnte Flo selbst sehen. »Aber Kathmandu ist wunderschön und faszinierend, eine Metropole mit eine Million Menschen, fremdem Stimmengewirr, eigenen Farben, exotischen Düften aus kleinen Feldküchen.« 

Gelebt und gearbeitet hat Flo in Pokhara in Zentralnepal, am Ufer des Phewa-Sees. Dort, wo auch der weltberühmte Annapurna-Trek startet, wo es weniger Smog und deutlich besserer Luft hat als 200 km östlich in der Hauptstadt. Vieles war neu für ihn: die Stadt, die Mentalität ihrer Menschen, die örtlichen Abläufe im Krankenhaus. »Das Erste, was du siehst, 

wenn du in eine Klinik gehst, ist ein kleines Schalterhäuschen mit einer Kasse. Da untersucht dich ein Arzt. Der diagnostiziert dann dein Krankheitsbild und sagt dir zum Beispiel, dass du für deine notwendige OP Kompressen, Faden und Antibiotika brauchst. Die Angehörigen bekommen dann eine Einkaufsliste, kaufen das ganze Zeug, und übergeben es an den Arzt. Und erst dann wirst du operiert.« 

Nepal zählt zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Auch deshalb ist es dem 34-Jährigen ein Anliegen, von seiner Reise zu berichten, denn Nepal brauche den Tourismus. »Die Menschen dort möchten zurecht in ihrer Liebe zu ihrer Heimat, ihrer Natur, wahrgenommen werden – und nicht allein aufgrund von Problemen im Land wie der Korruption, Armut oder Erbeben.« Flo wünscht ihnen diese Wertschätzung. Denn der Alltag vieler Nepalesen sei hart, die Bedingungen wie beispielsweise im Gesundheitswesen oft schlecht: »Veraltete Technik in den wenigen staatlichen Krankenhäusern, fehlende medizinische Infrastruktur. Krankenversicherungen für Einheimische? Fehlanzeige.« Die Nepalesen: das sind die Völker der Chhetri, Bahum, Magar oder Kami. Oder das Volk der Sherpa, deren Clans `ru` genannt werden, was wörtlich »Knochen« bedeutet. Für Flo sind die Nepalesen aber vor allem »eines der herzlichsten und lebensbejahendsten Völker, die man sich vorstellen kann«.

»Nepal ist unglaublich spannend, aber nix für den klassischen Pauschaltouristen«, stellt Flo klar. »Doch jeder, der in seiner Jugend backpacken cool fand, kommt dort meines Erachtens gut zurecht und voll auf seine Kosten.« Als gefährlich empfand er seine Reisen dort nie. »Klar solltest du auf bestimmte Dinge achten. Gesunder Menschenverstand eben.« Er schmunzelt: »Gefährlich kann es werden, wenn du das Wetter in den Bergen falsch einschätzt, du zu dünn angezogen bist oder glaubst, dass Sneakers geeignete Schuhe fürs Höhenwandern sind.« Abenteuerlich seien auch die oftmals engen und nur sporadisch gesicherten Straßen. »Die meisten Hauptverkehrsadern auf meinen Touren waren nur schmale zweispurige Straßen, wo es auf einer Seite die Schlucht runtergeht, auf der anderen Seite steil am Fels nach oben.« Der Lohn für manch beschwerlichen 

Weg seien aber »atemberaubende, unberührte Landschaften, und eine Sicht, zum Schneiden klar«, so Flo. »Auf unseren Treks hatten wir teilweise bis fast 3500 Meter Höhe richtig dichten Dschungel, erst dann wird es allmählich kahler bis schließlich der Schnee kommt und die riesigen Gletscher.« Die Baumgrenze in Nepal liegt mancherorts doppelt so hoch wie in den Alpen, die Vegetation ist üppiger. Allein 375 verschiedene Farne gibt es in Nepal. Flo stapfte hinauf bis in das Basis-Camp auf knapp 4000 Meter, verbrachte dort eine Nacht, inmitten des Annapurna-Gebirges. »Du wirst extrem kurzatmig, weil einfach die Luft immer dünner wird. Dein Körper verliert immer mehr an Sauerstoffkapazität.« Die Höhe hatte ihm zu schaffen gemacht. »Zuerst waren es ziemlich starke Kopfschmerzen, später dann Schlafstörungen. Alles in allem also eine sehr unruhige Nacht.« Missen möchte er sie dennoch nicht. Flo lächelt, wenn er von Nepal erzählt.

LANDSCHAFT: Nepal kann in drei Hauptregionen unterteilt werden. Das Terai oder subtropische Tiefland, das Mittelland und das Hochgebirge. Von den 14 Bergen auf der Erde, die höher als 8000 Meter sind, liegen acht auf nepalesischem Staatsgebiet.

BEVÖLKERUNG: In Nepal leben 29 Millionen Menschen auf einer Fläche, doppelt so groß wie das Bundesland Bayern. Mehr als 100 ethnische Gruppen, mehr als 120 Sprachen und Dialekte.

Wir fragen ihn, wie teuer das Reisen in Nepal ist. »Bei einer einfachen Unterkunft und gutem, landestypischen Essen bist du mit 15 bis 20 Euro am Tag dabei. Wenn du Treks machen willst, zahlst Du für eine Genehmigung. Die kostet je nach Tour und Region zwischen 20 und 30 Euro.« Summen, die für die allermeisten Nepalesen selbst unerschwinglich sind, deren monatliches Durchschnittseinkommen bei rund 69 Euro liegt. Ein Erlebnis ist dem Fotografen während seiner acht Wochen in Nepal besonders in Erinnerung geblieben: Am Tag vor seiner Abreise Mitte April geriet er in Kathmandu mitten hinein in die Feierlichkeiten zum »Bisket Jatra«, dem nepalesischen Neujahrsbeginn nach dem hinduistischen Kalender. Vor ihm 

riesige Wagen mit hölzernen Tempeln, Fahnen beschmückt, mit aufgestellten hohen Tannen und leibhaftigen Priestern besetzt. Hunderte Helfer zogen diese Wagen mit schweren Tauen durch die engen Gassen, die ganze Stadt feierte im dichten Trubel. »Das Lustigste für mich war dabei aber, dass da über die Straße ja wild Stromleitungen gespannt sind und deshalb immer zehn Mann mit Leitern vorausliefen, um die Kabel einfach im Zweifelsfall zu kappen, wenn ein Wagen nicht unter ihnen durchkam.« Pragmatismus auf Nepalesisch. 

Nepal in nur einem Satz, Herr Schmitt!

»Es gibt diesen Spruch, den liest man dort, auch auf T-Shirts oder an Lodges: Never ending peace and love. Nepal. Und der stimmt.«

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