WAS MACHT EIGENTLICH EIN...

HAFENMEISTER?

Text: Ute Spangenberger

Foto: Elmar Witt

Sein Job: Hafenmeister. Sein Revier: Der Mannheimer Hafen. Hier sorgt Siegfried Engelhardt für Ruhe und Ordnung. 

Wir treffen den 49-Jährigen vor seinem Dienstgebäude am Rhein. Siegfried Engelhardt richtet noch schnell den Kragen seiner dunkel- blauen Uniformjacke der Hafengesellschaft. Industriekulisse. Etwas weiter entfernt sieht man die ersten Portalkräne. 

Durchtrainiert ist er, ist in seinem Job oft zu Fuß unterwegs und kontrolliert die Liegeplätze der Schiffe. Engelhardt schaut nach dem Rechten im Mannheimer Hafen. Prüft, ob irgendwo illegal Müll abgeladen wurde oder die ordnungsgemäße Anmeldung eines Containerschiffs fehlt. Haben die Schiffe richtig festgemacht? Ist die Liegeverbotsstrecke frei?

Immer morgens um halb acht beginnt sein Dienst. Dann macht er seine Runde in Deutschlands flächenmäßig zweitgrößtem Binnenhafen. »Vergangenes Jahr im Sommer war es sehr anstrengend wegen des Niedrigwassers«, erzählt Engelhardt. Mehrere Schiffe hätten sich festgefahren. Das bedeutete Arbeit: »Lage sichern, Absperren, ein weiteres Schiff mit Kran organisieren, was die Ladung vom gestrandeten Frachter holt, damit dieser weniger Tiefgang hat.«

»Siebzig Prozent am Tag bin ich draußen unterwegs, an der frischen Luft«

Wir laufen am Rheinkai entlang, wo gerade zwei Passagierschiffe liegen. Ein paar Flusskreuzfahrer kommen uns entgegen, unter ihrem Schuhwerk glänzen alte Gleise in der Sonne. Amerikaner, Bermuda-Shorts, Reiseführer. Sie werden für einen Tagesausflug mit Reisebussen nach Heidelberg gebracht. Ein paar Stunden bummeln: Schloss, Untere Straße, Andenken kaufen. Bis zu fünf Kreuzfahrtschiffe können in Mannheim gleichzeitig anlegen, werden mit Strom und Trinkwasser versorgt, um die Emissionen am Kai gering zu halten. Siegfried Engelhardt schwärmt: »Die Energieterminals, die Fahrzeuge: alles technisch auf dem neuesten Stand, nagelneu. Da hat man das beste Equipment.« Ab und zu, erzählt er, übernehme er sogar in seiner Freizeit einige Fahrten selbst. Wenn beispielsweise bei der Besatzung der reguläre Schiffsführer plötzlich wegen Krankheit ausfalle. Für ihn sind diese Trips ein Rendezvous mit der Vergangenheit, denn bevor er Hafenmeister wurde hat er als Binnenschiffer gearbeitet. Der 49-Jährige stammt aus einer Binnenschiffer- Familie. In seinen ersten fünf Lebensjahren hat er mit der ganzen Familie auf dem Schiff gelebt. Danach, erinnert er sich, zu Schulzeiten, sei sein Vater dann allein unterwegs gewesen. »Ich habe meinen Vater während der Schulhalbjahre oft drei bis vier Monate nicht gesehen, nur in den Ferien.« Für seinen eigenen Werdegang zog der zweifache Familienvater daraus Konsequenzen: »Ich selbst bin wegen der Familie weg vom Schiff. Ich wollte nicht mehr auf dem Schiff leben und so viel unterwegs sein.« Sein Job im Hafen ist umfangreich. Schließlich werden hier jährlich die Ladungen von bis zu 7500 Frachtschiffen umgeschlagen, zwischen 7 bis 8 Millionen Tonnen Güter. Schiffs- verkehr beobachten, Fahrrinnen und Sauberkeit des Wassers im Blick behalten. Außerdem kontrollieren er und seine vier Kollegen der Hafenmeisterei auf dem Gelände die hauseigenen Werkstätten und Gebäude, die Schleusen und die rund 36 Kilometer Hafenstraßen. Stehen noch alle Lampenmasten? Wie ist es um die Uferböschungen und Kaimauern bestellt? Der Hafenmeister erinnert sich auch an Kurioses, an den Leichtsinn mancher Menschen: »Wir hatten Anfragen von Leuten, die als Betriebsausflug auf einem Boot grillend über den Rhein cruisen wollten, mit einem Abstecher in den BASF-Hafen. Oder ganz Verrückte, die in einem Belly Boat durchs Hafenbecken trieben.« Ja, der Hafen sei ein spannender Ort. Die Stadt Mannheim bietet deshalb auch Hafenrundfahrten und Stadtführungen an. Aber ein Spielplatz, das ist uns nach unserer Verabschiedung klar, ist der Arbeitsplatz von Siegfried Engelhardt keineswegs.

»Ich liebe das Wasser! Sein eigenes Revier zu haben, das hat schon was von Freiheit.«

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