ANN CLUE.

Text: Jan Zeller

Foto: Ann Clue

Aktuell erleben wir neue Realitäten und spüren alte Sehnsüchte in uns. Was selbstverständlich war, erscheint uns mitunter in einem neuen Licht. Ann Clue geht es als international erfolgreiche DJ-Künstlerin und Teil des Labels Fckng Serious von Boris Brejcha da nicht anders. Ein Gespräch über die Clublandschaft, das Wir-Gefühl und den Wert von „Feiern“.

Wo warst Du, als ab Ende Januar die News zu Corona immer mehr die Runde machten?

Ich hatte für Ende Februar eine Tour in Australien und auf Bali geplant. Die Reise war gebucht, da ging es in China gerade los. Auf Bali dann wartete man ab, verfolge die Entwicklungen. Es war irgendwie eine ungewisse Grundstimmung zwischen Ignoranz und Wahrnehmung. Innerhalb von zwei Wochen hat sich dann alles gedreht. Schon mein Rückflug nach Deutschland gestaltete sich schwierig.

 

Nicht gerade der Start ins Jahr, den man sich erhofft…

Es wurde schnell sehr vieles sehr anders, ja. Ich hatte noch vor dem Jahreswechsel eine Phase, wo ich viel über die nächsten Schritte, die Schwerpunkte in meinem Leben nachgedacht habe. Dann kommen spätestens Anfang des Jahres die Bookings rein, man plant sein Jahr, Reisen, die Auftritte. Bei mir stand für 2020 unter anderem eine größere Südamerika-Tour an.

 

Wie erlebst Du die Club- und Musik-Szene seitdem? Du hast in den letzten drei Jahren auf großen Festivals wie Awakenings, dem Exit Festival oder OFF Sonar aufgelegt, warst in über 35 Ländern mit Deiner Musik unterwegs.

 

Ich kann gut verstehen, dass viele Veranstalter wie auch Clubbetreiber mitunter panisch sind. Auch Bar-Besitzer oder Event-Planer sitzen oftmals sprichwörtlich auf einer Ladung Corona-Bier und nicht jeder hat ein finanzielles Polster – und selbst wenn, niemand weiß ja, wie lange dieses reichen muss. Musiker und DJs betrifft das natürlich auch ganz konkret – egal, wie groß der Gig gewesen wäre.

 

Wie geht es Dir, jetzt, Anfang Juni? Du bist jemand, der sehr gerne auch schreibt, seine Gedanken und Gefühle in seinen Songs verarbeitet und reflektiert.

Absolut, ja. Mir selbst geht es gut, dafür bin ich sehr dankbar. Klar, es geht um Auftritte und damit letztlich auch für mich um Geld. Aber anders als viele andere Menschen – und vor allem als in anderen Ländern – bin ich privilegiert. Eine meine Freundinnen arbeitet eigentlich am Theater und fährt jetzt Gabelstapler. Mir fehlt auch nicht ein „Feiern“ als solches, aber das Gemeinschaftsgefühl.

 

…das Gefühl hinter dem Party-Gefühl…

Genau. Es ist mit dem Feiern auch die Feierkultur nun erstmal weg. Ich meine damit nicht „Feiern“ als bloße Party, sondern psychologisch gesehen das Gemeinschaftsgefühl, das beim miteinander Spaß haben entsteht. Die Interaktion und Wärme. Ich denke, dieser Ausgleich und Austausch ist für Menschen sehr wichtig, die Ausschüttung von Serotonin, als Mittel gegen alles, was negativ ist.

 

Hat jemand, der meist vor Hunderten, auch Tausenden von Partygängern am Pult steht, mehr mit dem Alleinsein, der Isolation, zu kämpfen?

Das Alleinsein geht bei mir. Aber man muss der Angst etwas entgegensetzen können. In Südamerika zum Beispiel ist die Feierkultur an sich schon stark von dem Vergessen des Alltags geprägt. Mal abschalten, loslassen. Clubs oder Festivals rein auf stumpfes „Abfeiern“ zu reduzieren, greift zu kurz. Feiern ist ein verpanschter Begriff.

 

Weil…

Weil er nicht ausreichend ausdrückt, was die emotionalen Bedürfnisse dahinter sind. Musik ist immer auch Ausdruck und das Durchleben von Stimmung. Gemeinsam tanzen oder das erlebte Wir-Gefühl sind Katalysatoren und Motivatoren zugleich. Ich glaube, dass es für viele – mich eingenommen – eine interessante Erfahrung werden wird, das erste Mal wieder auf eine Party oder in einen Club zu gehen.

Weil er nicht ausreichend ausdrückt, was die emotionalen Bedürfnisse dahinter sind. Musik ist immer auch Ausdruck und das Durchleben von Stimmung. Gemeinsam tanzen oder das erlebte Wir-Gefühl sind Katalysatoren und Motivatoren zugleich. Ich glaube, dass es für viele – mich eingenommen – eine interessante Erfahrung werden wird, das erste Mal wieder auf eine Party oder in einen Club zu gehen.

 

In Deinem aktuellen Song „Faith“ hast Du musikalisch den Umgang mit Deinem Glauben an Dich selbst und in Deine Fähigkeiten verpackt. Was nimmst Du aus der ersten Jahreshälfte 2020 für Dich an persönlicher Erkenntnis mit?

Ich habe gemerkt, dass ich vor allem meine Reisen bisher als Verarbeitungsprozess genutzt habe. Das fehlt mir. Aber diese Erfahrung sehe ich als Chance, sie hat Gutes wie Negatives. Vieles in meinem Leben war sehr eng getaktet, lief mit hohem Tempo. Für mich selbst sind die Entschleunigung und die mit ihr aufkommenden Themen auch positiv. Zum einen kann ich mir generell bewusst machen, für was ich in meinem Leben dankbar bin und sein kann, vor allem aber rückt eine Frage mehr in den Fokus: Was tut mir eigentlich gut, jetzt, ganz unmittelbar? Es bringt nichts, sich nur auf das Negative zu konzentrieren.

 

Ganz unmittelbar hattest Du in Dresden zum ersten Mal wieder zwei Auftritte, die als Autokino-Shows umgesetzt wurden…

Bei mir ist gerade jeder Tag ein bisschen anders. Bewussteres Wahrnehmen, ein Lernen. Ich war gespannt auf Dresden. Aufgrund der niedrigeren Infektionszahlen war es dort möglich, das Event so umzusetzen. Es wird vieles erstmal jetzt anders werden. Eher Bonn und Trier anstatt Buenos Aires oder Canada (lacht). Ich weiß nicht, wie oder ob man konkret einzelne Betriebe, Festivals oder Clubs spezifisch schützen kann oder gar muss, aber ihren Wert und ihre gesellschaftliche Bedeutung halte ich in jedem Fall für anerkennens- und auch schützenswert.

 

Was stimmt Dich persönlich positiv?

Dass wir alle wieder Wege finden werden, zusammen zu kommen. Der Wert von Freiheit, von Spontaneität, des gemeinsamen Feierns: Ich glaube, dass alles, was Bestand hat und hatte, bestehen und sich neu erfinden wird. Das gilt für die Club- und Festivallandschaft wie auch für die Gefühle, die Menschen miteinander teilen und die sie verbinden. Und das ist dann ja auch die Aufgabe von Musik und von allem, was da dranhängt.

»Für mich selbst sind die Entschleunigung und die mit ihr aufkommenden Themen auch positiv.«

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