Stefan Strumbel.

Text: Jan Zeller

Foto: Elmar Witt

Wie geht’s Dir? Turbulente und lange Monate waren das ja für uns alle. An was hast Du gearbeitet, was steht gerade an bei Dir?
Meiner Familie und mir geht es gut, danke. Als Künstler hatte ich letztes Jahr die schöne Aufgabe, mein zweites Bühnenbild gestalten zu dürfen. Diesmal für das Staatstheater Karlsruhe und dessen Schauspiel „Die neuen Todsünden“. Im Mai waren wir damit im Rahmen der Europäischen Kulturtage Karlsruhe zu sehen – leider nur per Stream. Ich hoffe aber, dass die Leute das Stück natürlich bald auch wieder live erleben können. Außerdem entwerfe ich gerade einen Brunnen aus Bronze, den ich als Kunst am Bau für die Staatsbrauerei Rothaus gestalte. Mit Ausstellungen geht es auch bald wieder los, in Potsdam realisiere ich eine Skulptur im Park der Villa Schöningen und plane meine nächste Solo-Ausstellung in Köln im kommenden Jahr. 

 

Stefan, blicken wir kurz zurück. Gerade in Deinen frühen Werken hast Du mittels greller und lauter künstlerischer Transformation mit urtypischen deutschen Schwarzwald-Ikonen gebrochen. Was trieb dich da genau an?
Primär ging es mir um die Interpretation einer neuen, gegenwärtigen Perspektive auf unsere Heimatbilder. Mit der Fußball-WM 2006 schwappte dann ein Fahnenmeer über das Land. Begriffe wie „Heimat“, aber auch die Frage nach einem Heimatverständnis oder -gefühl spielten von da an eine immer konkretere Rolle in meinen Gedanken. Wir alle verknüpfen mit „Heimat“ Unterschiedliches. Meist jedoch privaten Gefühle, Erinnerungen, Gerüche oder Sehnsüchte. Auf nationaler Ebene haben wir Deutsche ja ein mitunter ambivalentes Verhältnis zu unserem Heimatland, regional aber existiert durchaus ein starker, eher vom Nationalsozialismus entkoppelter Heimatbezug. Mit dem Schwarzwald als „den deutschen Wald“ lagen meine anfänglichen Motive vor meiner Haustür. 

 

Bei uns stehen – anders als beispielsweise in den USA – selten Fahnenmasten im Garten …
Ja. Das zum einen. Vielleicht ist aber der von Dir beschriebene „Bruch“ ein zu starkes Wort für das, was mich als Künstler an der Auseinandersetzung mit dem Thema interessierte. Es ging mir um eher eine Dekonstruktion oder Entlarven des verstaubten, auch verklärten Motivkatalogs zu „Heimat“ hin zu einem Heimatbegriff der Jetztzeit. Spätestens dann mit dem Aufkommen der AfD oder Pegida und der damit einhergehenden Diskussion um „den deutschen“ Patriotismus wollte ich das zunehmend braunere Bild von „Heimat“ als Künstler nicht unkommentiert lassen.

 

… in Werken wie „Nowhere“ oder „Forest Island“ beispielsweise. Bei Deinen Luftpolster- oder Lupo-Arbeiten wie „I´m Ready Alu“ spielst Du zusätzlich auch mit den voreingenommenen Assoziationen der Betrachter*innen beispielsweise hinsichtlich religiöser Motive.
Korrekt, ja. Das war der Ausgangspunkt. „Forest Island“ ist ein Kunstwerk, dass jeder verstehen kann, andocken kann daran. Mein Sohn kennt solche Badeinseln, ich kenne sie aus meiner eigenen Kindheit – eben auch ein Stück Heimat. In Bronze gegossen gehen sie unter. Zehntausende Geflüchtete sind im Mittelmeer ertrunken bis heute. Werke wie dieses stehen deshalb auch für die Utopie einer nicht ausgrenzenden oder begrenzenden Welt. Vor allem aber arbeite ich gerade an der Weiterentwicklung meiner gegenstandlosen Lupo-Arbeiten in Form von großformatigen Abstraktionen. Die Verweise zum Lupo werden zunehmend minimaler. Was sich vorher im seriellen Motiv des Lupos fand, findet jetzt seine fast vollständige Auflösung in Farbräumen. Die diskursive Thematisierung des Schützenswerten erfährt eine total neue künstlerische Umsetzung. 

 

Auf welche schützenswerte Aspekte möchtest Du ganz generell aufmerksam machen mit deinen Lupo-Arbeiten?
Werte und zivilisatorischen Errungenschaften gehören geschützt. Deshalb packe ich sie ein, um so nicht nur ihre Fragilität aufzuzeigen, sondern auch ihr Überleben zu sichern. Gleichzeitig geht aber auch etwas verloren, wenn wir Dinge – auch aus vermeintlich guten Gründen – wegpacken und sie nicht mehr vollständig einsehen können. Wir laufen Gefahr, vorschnell zu beurteilen, was wir da im Grunde überhaupt vor uns haben oder schauen darüber ganz selbstverständlich hinweg. Es ging mir um einen Fingerzeig in beide Richtungen: für mehr Sensibilität und Achtung im Umgang mit Werten, Individuen, Freiheiten. „Heimat“ ist vor allem aber auch ein individuelles und kein kollektives Gefühl. Deshalb verzichte ich in meinen neuen Arbeiten auch auf eine bildliche Zuschreibung. Was dem einen bei „Heimat“ als Zufluchtsstätte für Erinnerungen und Erlebnisse dient, steht für andere für Selbstbestimmtheit, Religions-, Presse- oder Meinungsfreiheit. 

 

Du sagst, dass Du in Deinen neuesten Lupo-Arbeiten abstrakter mit Farben und minimaler mit dem Einsatz der Polsterfolie umgehst. Machst Du das auch, weil Farbe im übertragenen Sinn – ob als Hautfarbe von Menschen oder als Ausdruck politische und gesellschaftliche Gruppen und Strömungen – immer noch eine Rolle spielt?
Das stimmt, ja. Es ist doch so: Wir in Deutschland haben das Privileg, ein vergleichsweise enorm hohes Maß an persönlicher Freiheit zu genießen. Weltweit – aber leider auch immer noch bei uns – erfahren viele Menschen diese Freiheit nicht. Sie werden aufgrund Ihrer Hautfarbe, politischer Überzeugung, religiösen Zugehörigkeit, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, verfolgt, getötet. Ich halte es für fatal, wenn „Heimat“ stärker in seinem Mythos lebt als in der Gegenwart und Wirklichkeit. Kunst ist mir ein Mittel dafür, Nähe und Vertrautheit zur Wirklichkeit herzustellen, sie zu befragen, zu erforschen. „Heimat“ darf nicht für höllische Botschaften vom der rechten Lager als Projektionsfläche einer heilen Welt missbraucht werden.

 

Wenn Du Deine Kunst über die Jahre betrachtest – bist Du als Mensch melancholischer, sensibler geworden. Sind dir privat Dinge wichtiger geworden wie der Genuss bestimmter Momente des Lebens, von „Heimat“?
Ich denke schon. Als Künstler habe ich meine Arbeiten leiser werden lassen. Nicht in ihrer Aussage, aber weniger plakativ, weniger bunt als noch zu Beginn. Kunst, die überlebt, die nachhaltig ist, interessiert mich heute viel mehr als früher. Damit einher geht Kunst im öffentlichen Raum. Ich möchte, dass Menschen, die vielleicht bisher gar nichts am Hut hatten mit Kunst auf ihrem Spaziergang am Karlsruher Schloss an meiner Stuhl-Skulptur stehen bleiben und sich mit ihr und ihrer Idee befassen können. Vielleicht ist ja der Wunsch eines Vermächtnisses, eines Bestehens der eigenen Kunst allein schon melancholisch.

 

… und die Genussmomente von „Heimat“?
Sicherlich diese Sehnsucht nach ihr. Vielleicht liegt in der Sehnsucht sogar der größere Genuss als in der Befriedigung dieser, ich weiß es nicht. (lacht) Aber sicherlich ist es auch dieses Verlangen nach „Heimat“, dass sich in ganz unterschiedlichen Arten Bahn bricht. In meiner Arbeit genieße ich es, wenn ich gefühlt einen Beitrag für andere damit leisten kann. Das war beispielsweise so, als ich 2011 den Innenraum der katholischen Kirche in Goldscheuer umgestalten durfte. Aber auch bei der Ausgestaltung des Bühnenbilds für „La Boheme“ an der Stuttgarter Staatsoper vor sechs Jahren oder wie jetzt am Badischen Staatstheater bei „Die neuen Todsünden“. Dass ich meine Kunst in immer neue Bereiche tragen kann – und das selbstbestimmt und frei. Es fühlt sich nie wie „arbeiten“ an. Das ist Glück. Das genieße ich und bin dankbar dafür. All das ist im Idealfall auch „Heimat“.

 

Eine deiner Ausstellungen aus dem Jahr 2015 trägt den Titel „Handle with care“ (dt. Mit Vorsicht behandeln). Knapp ein Jahr davor ist Dein Vater Toni verstorben, wiederum vier Jahre davor bist Du selbst Vater geworden. Man könnte den Titel auch als Appell an das Leben verstehen.
Ich denke, es ist ein Appell. Wenn wir Gefahr laufen, Dinge von inhaltlichem, kulturellem oder zwischenmenschlichem Wert nicht mehr als schützenswert – eben wertvoll – zu betrachten, dann verlieren wir einander als Gesellschaft, als Gemeinschaft, oder auch ganz individuell etwas in uns. Das Leben ist immer gezeichnet von diametralen Entwicklungen. Auch von persönlichem und schmerzhaftem Verlust. Aber eben auch von dem genauen Gegenteil. Beide von Dir genannten Erfahrungen haben mich geprägt, beide unterschiedlich, beide als Künstler und natürlich als Mensch. Mein Vater kam 1964 aus Ljubljana nach Karlsruhe, vier Jahre später heiratete er meine Mutter. Der Tivoli-Park, die Pinien der nahen Adria – seine erste Heimat wurde auch zu einem Teil meine zweite. Die Fragilität des Lebens macht einen empfindsamer und auch bewusster für das, was wirklich von Bedeutung ist. Meine Kunst ist da ein Ventil für mich. Aber ohne solche Erfahrungen gäbe es vermutlich auch keine Kunst.

 

 

 

 

 

 

 

 

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