PHELINE ROGGAN.

Text: Marcel Heinen

Foto: Elmar Witt

Groß und gertenschlank, riesige Augen, mit einem Mienenspiel, das feinste Nuancen kennt und vieles zwischen den Zeilen ahnen lässt – so kennt man Pheline Roggan aus Fatih Akins Kultfilm »Soulkitchen« (2004) und derzeit auch aus der nicht weniger kultigen Serie »Jerks«. Staffel 4 wurde im November letzten Jahres bereits abgesegnet. Fast meint man, die Darsteller spielten sich selbst, so authentisch wirkt das alles, mit spontan vor der Kamera improvisierten Dialogen. Dass das neben dem überspringenden Spaß auch viel Arbeit bedeutet und Pheline Roggan auch ganz andere Rollen im Repertoire hat, offenbart sich einem schnell, wenn man ihr zuhört.

Dass das Modeln nicht immer viel mit Glamour zu tun hat, merkte sie während ihrer vierjährigen Modelkarriere ausgerechnet am meisten im hippen New York: »Drei Wochen zu viert in Hochbetten in einem Zimmer – das ist so ziemlich das Gegenteil von Glamour«, resümierte sie über jene Zeit mal. Es genügte ihr inhaltlich nicht, sie wollte mehr künstlerischen Freiraum, Geschichten erzählen. Rückblickend sogleich beisteuernd, es höre sich an wie ein Klischee – erst Model, dann Schauspielerin – bewarb sie sich damals an der Schauspielschule und hängte das Modeln nach dem Abitur an den Nagel. Es stört sie durchaus, wenn ihr zu oft die gleichen Rollen angeboten werden: »Viel geht bei der Besetzung über die Optik. Oder man wird wieder für etwas Ähnliches angefragt wie für das, was man schon einmal gespielt hat. Ich bemühe mich auf jeden Fall darum, immer wieder ganz andere Rollen zu spielen. Ich würde gern mal etwas Derbes, Dreckigeres, Kaputtes spielen – einen Junkie zum Beispiel, oder eine Person in einem historischen Film, die in einer ganz anderen Epoche gelebt hat.« 

»Wenn ich frei habe, mache ich am liebsten keine Pläne, lasse mich treiben, schaue, was passiert.«

Gegen Lampenfieber hilft – nichts! Für Pheline Roggan war ihre Rolle als Schamanin bei den Nibelungenfestspielen im Sommer 2018 das erste Mal Open-Air-Theater, wenn auch nicht das erste Mal Bühnenschauspiel. Bereits 201 heimste sie im Feuilleton viel Lob ein für ihre Kunst im Solostück »Das kunstseidene Mädchen«. Unter freiem Himmel fühle sich ganz anders an: »Ich hatte noch nie OpenAir gespielt. Es war merkwürdiger als sonst, in den Proben vor so einer riesigen leeren Tribüne zu spielen. Am helllichten Tag vor den leeren Rängen verpufft die ganze Energie. Irgendwann in den Endproben wünscht man sich, endlich auch vor Publikum zu spielen. Das Publikum erschafft den Raum! Und das Publikum war toll! Begeistert, begeisterungsfähig und sehr zugewandt.« Während der Vorstellung stand sie eine Zeit lang auf der Empore der Bühne und konnte beobachten, welche Kraft vom Publikum zurückkam. Hatte sie Lampenfieber? Hatte sie. „Vor allem vor der Premiere.“ Später, wenn es nachlasse, bekomme man den wieder Kopf frei, um »andere Dinge herauszufinden, was man noch mitspielen und wie man mit den Kollegen noch mehr interagieren kann, was noch alles möglich ist, das einem in der Aufregung entgangen ist.« Gegen Lampenfieber hilft laut Pheline: „Nichts. Die Aufregung vor der Premiere muss man irgendwie annehmen und versuchen, das in Spielkraft umzuwandeln. Man darf sich nicht dagegen wehren. Es gibt ja verschiedene Arten von Lampenfieber: Ein schlimmes, das einen blockiert. Aber auch eines, das einem Antrieb gibt.“ „Jerks“ ist erschreckend echte Absurdität Ganz anders dagegen die absolute Lockerheit bei den Dreharbeiten zu »Jerks«: »Wir spielen zwei befreundete Paare, die sich gegenseitig ständig in unangenehme Situationen bringen, sehr ehrlich und dadurch auch sehr fies zueinander sind. Das macht sehr, sehr viel Spaß, weil wir uns ständig über soziale und gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen mit dem was wir sagen.« Sie offenbart das mit leichtem Amüsement und jenem ironisierenden Mienenspiel, das eines ihrer Markenzeichen ist. Darauf angesprochen, ob sie sich letzteres irgendwann beigebracht hat, reagiert sie überrascht: „Nein, das habe ich nicht. Das geschieht unbewusst. Ich versuche auch, nicht darüber nachzudenken, das wäre kontraproduktiv. Ich vergegenwärtige mir die Haltung meiner Figuren und versetze mich in dem Moment in sie hinein.“ Wie improvisiert ist das Drehbuch zu »Jerks«? »Die Story, die Haltung der Figuren stehen fest, aber die Dialoge, den Text erfinden wir im Moment des Spielens. Beispielsweise ist Christian [Ulmen, Anm. d. Red.], die Hauptperson, fremdgegangen. Das wissen wir alle aber nicht. Dann kommt das Thema zur Sprache – und jetzt sind unsere Äußerungen entsprechend unserer Haltung gefragt. so dass die Situation für Christian möglichst unangenehm wird. Zum Beispiel Fahri [Yardim] tut so als ob er es schlimm findet, aber nur um zu kaschieren, dass er selbst auch fremd geht... Wir müssen das so hoch und so unangenehm wie möglich ziehen. Am Schluss sind alle getroffen. Und den Weg dahin zu finden, das ist unser Job.« Egal, wie lang es dauert? »Christian selbst ist ja der Regisseur und lässt uns wahnsinnig viel Zeit. Eine Folge läuft insgesamt 25 Minuten, und wir produzieren manchmal Takes, die allein schon 30 Minuten dauern. Wir können alles hineingeben und sammeln, und er hat hinterher die – nicht unerhebliche – Arbeit mit dem Schnitt.« Ginge das auch ohne dem guten Draht zu den Kollegen? Pheline differenziert: »Es geht auch ohne, aber es macht die Arbeit auf jeden Fall viel angenehmer und freier. Aber auch aus einer Antipathie kann eine Spannung entstehen.« Das Improvisieren liege ihr. »Ich finde es super. Dabei interessiert mich Comedy privat eigentlich weniger. Ich bin eher bei Arthouse- und Independent-Filmen angesiedelt. Ein Freund zieht mich immer damit auf, ich würde Filme anschauen, nach denen es einem schlecht geht. Das sehe ich natürlich nicht so! (lacht) Aber was ich mag, ist keine leichte Kost. Vor dem Dreh von »Jerks« hatte ich die Skripte gelesen, viel schwarzer Humor, politisch sehr inkorrekt, die haben mir gefallen. Aber ich habe trotzdem noch nicht geahnt, wie die Arbeit mit dem Improvisieren wird, was das für einen Spaß macht – auch nicht, was für ein Erfolg es geworden ist! Jerks hat dieses Jahr den Comedypreis und jetzt gerade den Fernsehpreis für die beste Comedyserie erhalten. Hoffentlich können wir diese Arbeit noch ein paar Staffeln weiter machen!«

»Ich würde gern mal etwas Derbes, Dreckigeres, Kaputtes spielen – einen Junkie, zum Beispiel.« 

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