Momentum.

Text: Jan Zeller

Foto: Jan Zeller

»Momentum« wurde als dreiteiliger Abend zu Beginn des letzten Jahres einstudiert und geprobt. Bis kurz vor dem ersten Lockdown in Deutschland Mitte März 2020 konnten die Stücke bühnenfertig gemacht und aufgezeichnet werden. Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus erfolgt zudem eine zweite Online-Vorstellung am 20. März 2021. Als Bonus wird es einen gemeinsamen digitalen Austausch mit den drei beteiligten Choreografen geben. Nach innen wie nach außen: Es gehe um Signale und Zeichen, die gesetzt werden müssten, meint dazu auch Holger Schultze, Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg.

Sie wurden im Rahmen Ihrer künstlerischen Laufbahn in Mehrspartenhäusern sozialisiert. Nach Ihrem Wechsel an das Theater Heidelberg zu Beginn der Spielzeit 2011/2012 haben Sie dort ein eigenständiges Tanz-Ensemble etabliert. Was kann oder sollte Tanz leisten – auch oder gerade in aktuellen Zeiten wie diesen?

Ein Theater in seinem kulturellen Auftrag gewinnt an Diversität durch seine unterschiedlichen Sparten. Gerade das Tanztheater kann und muss Diskursräume schaffen. Tanz erlaubt es wie kaum ein anderes Medium, unmittelbar und emotional zu wirken, da hier nahezu alle potenziellen Synergieeffekte eines Theaters genutzt werden können. Schauspiel, aber vor allem auch die orchestrale Begleitung schaffen fließend wie hörbar Zugänge. Theater sind soziale Orte. Orte der Begegnung, der Gespräche. Ähnlich wie auch Restaurants, Museen oder Musikkonzerte. 

 

Alles Orte, die wir in den letzten Monaten vermisst haben …

Ja. Ich denke aber, dass wir vor allem auch die Interaktion mit unseren Mitmenschen, den Austausch vermissen. Tanz lebt von der Interaktion. Es sind die Prozesse und Emotionen der Tänzerinnen und Tänzer, die über die Bewegung und Choreografie ihren Weg nach außen finden – und das Weiterverarbeiten und die Stimulation auf Seiten des Publikums. Beides mündet in Kommunikation und gemeinsames wie geteiltes Erleben.

 

Sie haben mit Iván Peréz als Künstlerischen Leiter des DTH einen international sehr erfolgreichen wie experimentierfreudigen Choreografen nach Heidelberg locken können. Seine jüngst geplante Uraufführung »Oscillation« fiel bislang der Pandemie zum Opfer. Wie haben Sie Iván und das Ensemble in den letzten Monaten erlebt?

Iván versucht wirklich, unter großem persönlichen Einsatz die Gruppe zusammen zu halten, zu trainieren, weiter zu arbeiten. Für ihn, aber auch die Tänzerinnen und Tänzer, ist so eine lange Zeit der faktischen Bühnenabstinenz aus den verschiedensten Gründen natürlich extrem schwierig. Tanz ist zum einen einfach auch Hochleistungssport, zum anderen aber eben auch künstlerisches Ausdrucksmittel, ihre Sprache. Unser Ensemble besteht aus vielen jungen Menschen, die in Deutschland arbeiten und meist in kleinen Apartments leben. Die ihre Heimat lange nicht gesehen haben, die nicht nach Hause konnten zu ihren Familien. Wenn eh schon keine oder nur wenige soziale Begegnungen möglich sind, dann nehmen die Arbeit und das gemeinsame Training natürlich eine umso wichtigere Rolle ein. 

 

Iván hat Tanz vor allem über den Flamenco seit seiner frühesten Kindheit in Alicante als Teil einer ganzen Gesellschaftskultur kennengelernt. Bevor er im September 2018 in Heidelberg startete, hatte er bereits bedeutende Werke für Kompanien wie das Ballett der Pariser Oper („The Male Dancer“), Ballet Moskau, Compañía Nacional de Danza oder Dance Forum Taipei geschaffen. Wie erleben Sie die gemeinsame Arbeit?

Mich interessiert mich vor allem die Entwicklung eines Künstlers. Iván habe ich in Prag kennengelernt im Rahmen eines Festivals. Die Handschrift eines Choreografen und Künstlers soll und muss erkennbar sein, meine Aufgabe ist eher die Gesamtkomposition eines Programms, das eine möglichst große Vielfalt im Rahmen der Spielzeiten kreiert. Tanz hat für mich die Stärke, hier neue Räume zu erobern und Sehgewohnheiten auch mal zu brechen, um sie zu erweitern. Als Intendant möchte ich hinsichtlich der öffentlichen, auch mal kritischen Perzeption dann bewusst die Geduld haben, das auszuhalten. Das gilt für alle Sparten eines Hauses. Es sind aber eben diese Prozesse, die es dann auch ermöglichen, jenes kleine Theaterwunder erleben zu können, wo sich alles plötzlich perfekt zusammenfügt.

 

Als Haus mussten Sie sich programmatisch wie technisch anpassen, neue Formate und Konzepte etablieren und immer wieder auch nachjustieren in der Planung …

Wir hoffen auf einen Spielzeit-Beginn ab April. Auch gehen wir fest davon aus, dass die Schlossfestspiele stattfinden werden. Was wir anhand der öffentlichen Nachfrage bereits jetzt erkennen können, ist das große Bedürfnis der Menschen nach Kultur. Auch die Stadt Heidelberg steht zu uns und seinem Theater, was uns motiviert. Ganz viele Stücke wurden vorproduziert, wir schreiben an Produktionen über zwei Spielzeiten hinaus. Gleichzeitig haben wir den ganzen Online-Bereich natürlich stark ausgebaut, gerade in den Bereichen Junges Theater und Tanz.

 

Für »Momentum« sichere ich mir online mein Ticket, gestreamte Symphoniekonzerte des Heidelberger Orchesters fanden teils bis zu 2000 Zuschauer. Über die Homepage des DTH habe ich die Möglichkeit, in Online-Workshops Tanzschritte selbst einzustudieren oder Insider-Einblicke zur Trainings- und Arbeitsweise eines Choreografen und Ensembles zu erhalten. Das digitale Theater: Was bedeutet das für die Zukunft?

Das Digitale wird viel mehr kommen. Und es beinhaltet gerade bei einem jüngeren Publikum auch große, additive Potenziale, weil es sehr niedrigschwellig daherkommt. Ich sehe es ein wenig wie bei einem Zoom-Meeting: Wir haben uns nun viel mehr an diese Medien und jene Art der Kommunikation gewöhnt – und wir können viel leichter und schneller miteinander in den Dialog reingehen. Das ist positiv. Macht es aber das informelle Gespräch im Anschluss beim Kaffee oder die persönliche, reale Diskussion in der Halbzeitpause einer Theateraufführung obsolet? Ich denke nicht. Theater sind und werden soziale Orte der Begegnung bleiben. 

MOMENTUM 15.03.21 und 20.03.21, 20 Uhr Choreografien von Yi-Wei Lo, Iván Pérez und Astrid Boons Uraufführung, deutsche Erstaufführung Tickets online auf www.theaterheidelberg.de

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