Warten auf Godot.

Text: Jan Zeller

Foto: Camilla Sprengler

Ihre finanziellen Ausfälle sind seit über einem Jahr enorm. Studien, Sicherheitskonzepte, alternative Wege: die Kultur- und Kreativbranche versucht viel. Modellberechnungen der TU Berlin zu Ansteckungsrisiken und -raten zeigen zudem, dass Kulturbetrieb in Museen, Theatern- und Opernhäusern grundsätzlich nichts Utopisches sein müsste. In Holland laufen die wissenschaftlichen Auswertungen zu einer Reihe von Großveranstaltungen unter Live-Bedingungen: Unter Berücksichtigung verschiedener Sicherheitskonzepte und mit Vorabtestung tanzte man im Dienste der Forschung. Bislang könnten die Ergebnisse der Studien optimistisch stimmen …

Zur Person: Markus Sprengler ist professioneller Musiker und Kultur-, Community- und Eventmanager. Im Jahr 2001 wurde der heute 55-Jährige seinerzeit Deutschlands erster kommunaler Rock- und Popbeauftragter. Seit 2019 sitzt er im Mannheimer Gemeinderat.

Markus, wie ist aus Deiner Sicht, als Kulturschaffender und Kommunalpolitiker mit Fokus auf die Kulturszene, die aktuelle Lage?

Als Kulturschaffender ist die Lage nach wie vor prekär und Kulturschaffende sind immer noch mit einem faktischen Verbot zur Ausübung ihres Berufes belegt. Die staatlichen Hilfen, vor allem für selbstständige Künstler*innen, sind ist nach wie vor schlecht organisiert.  Als Stadtrat in Mannheim setze ich mich für schnelle kommunale Hilfen ein, baue gemeinsam mit anderen Stadtratskolleg*innen neue Netzwerke auf. Da geht es z. B. um eine unbürokratische Nutzung von Freiflächen für Veranstaltungen, um beispielsweise auch Verluste von Clubs und Veranstalter*innen abzufedern. 

 

Warum tut sich die Kulturszene hierzulande – anders als andere Verbände (wie z.B. der Gaststätten- und Hotellerie-Verband) gefühlt so viel schwerer damit, sich Gehör zu verschaffen?

Durch die Vielfalt der Kulturszene und ihrer Player ist es bisher nicht ausreichend gelungen, eine Lobby für Kultur zu etablieren. Das ändert sich gerade durch diverse Initiativen auf Bundesebene, wie „Alarmstufe Rot“ oder – lokal in Mannheim – mit dem „Bündnis Kulturschaffender Mannheims“, die den Künstler*innen Gehör verschaffen. Da es die eine so genannte Kulturszene nicht gibt, wird es schwer sein, langfristig ein einheitliches Sprachrohr für die Kultur zu finden. Nötig wird aber sein, die Bundesregierung mit Forderungen und Lösungsvorschlägen auf Trab zu halten. Denn da kommt zu wenig.  

 

Wie geht es Dir persönlich, Deiner Familie? Kunst und Kultur spielen bei Dir und Deiner Frau, aber auch bei euren drei Kindern eine große Rolle. Für Deinen Sohn Leonardo alias MUSSO läuft es in den deutschen Hip-Hop-Charts sehr gut …

Persönlich bin ich als Musiker, der seit mittlerweile über einem Jahr nicht regelmäßig auftreten kann, natürlich stark betroffen. Ebenso meine Frau Deborah Musso, die mit der TEN GALLERY und ihrem Ausstellungsmanagement seit einem Jahr keine verlässliche Aussage zu Vernissagen, Kulturveranstaltungen oder neuen Fotoprojekten treffen kann. Leonardo ist als Deutsch-Rapper in einer ähnlichen Lage. Allerdings lebt die Hip-Hop-Kultur eben auch von neuen Tracks und Videos, die ihn in Pandemiezeiten über Wasser halten. 

 

Ist „Kultur“ ein zu wachsweicher Begriff im öffentlichen Diskurs als dass sich mehr Menschen stark machen würden für diese Branche und deren Wert? Wie stehen wir hierzulande zu Kultur und hat sich da was verändert seit dem Pandemiebeginn?

Der Kulturbegriff und die Wichtigkeit, Kultur wieder „besuchen“ oder „machen“ zu können, ist in der Öffentlichkeit definitiv wieder stärker in den Focus gerückt. Der öffentliche Diskurs wird geführt, hat aber unterschiedliche Gewichtungen. Ein mittlerweile 2 Milliarden schweres Rettungspaket des Bundes für die Kulturschaffenden reicht eben nicht aus, um die Vielzahl an Branchen und Menschen, die die Kultur machen, vor ihrem existenziellen Ruin zu retten. Somit droht auch, dass ein Teil unserer Kultur verloren geht. Die 8 Milliarden für TUI oder andere Reiseanbieter haben doch gezeigt, wo die Prioritäten liegen und wo Arbeitsplätze gerettet werden. Jedenfalls nicht mit voller Kraft in der Kulturbranche.   

 

Der Deutsche Kulturrat hatte Anfang Januar zuletzt nochmal verstärkt auf die Schwierigkeiten und Bedrohungen für Kulturschaffende aufmerksam gemacht und mehr politische und finanzielle – vor allem aber unbürokratischere – Hilfen gefordert: Was tut sich gegenwärtig?  

Die Veranstaltungswirtschaft, die Soloselbstständigen und vielen Kulturschaffenden haben die von Bund und Ländern auferlegten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung bisher mitgetragen. Bei den beschlossenen Hilfsmaßnahmen für Unternehmen wurde jedoch beispielsweise die Veranstaltungswirtschaft völlig unzureichend berücksichtigt. Hunderttausende erhalten bei weitem nicht die dringend benötigten Hilfen, die notwendig wären, um massenhafte Entlassungen und Insolvenzen zu verhindern.

 

Unter welchen Problemen bezüglich finanzieller Hilfen und Überbrückungsgelder leiden aktuell freischaffende Künstler*innen ganz konkret am meisten? 

Einfache Antwort: späte Auszahlung von Hilfen, zu viel Bürokratie bei der Antragsstellung, zu wenig Berücksichtigung der Soloselbstständigen, die unnötig in Hartz IV gezwungen werden sollen, weil keine Konzepte vorhanden sind, wie z. B. ein befristetes Grundeinkommen.

 

Wie lautet Deine Prognose hierzulande für den öffentlich-staatlichen, vor allem aber den privaten Kulturbetrieb in den kommenden Monaten?

Der öffentliche und staatlich subventionierte Kulturbetrieb wird seine Arbeit mit wenig Reibungsverlust wieder aufnehmen. Der private Kulturbetrieb wird sich dezimieren, weil es nicht geschafft wurde, durch gute staatliche Konzepte alle zu retten. Durch Förderprogramme werden sicher gute und neue Konzepte initiiert, aber der Schaden bei den privaten Kulturbetrieben wird sehr groß sein. Für mich ist es auch unverständlich, dass es Städte wie Mannheim, trotz guter Teststrategien, nicht hinbekommen, klare und gute Öffnungsszenarien für die Kulturstätten und die Gastronomie zu entwickeln: mit Impfen, Testen und digitaler Nachverfolgung. Mannheim muss da neue Weg finden, mit Corona wissensbasiert umzugehen. Rostock oder Tübingen machen es vor. Wieso passiert das nicht?

 

Große Bühnen des Landes streamen Premieren und Aufführungen seit Monaten, bieten ihrem Publikum Online-Workshops und Behind-the-scenes-Optionen an. Musiker und Musikerinnen übertragen Live-Konzerte online. Auch ihr habt in der TEN GALLERY bereits im Mai letzten Jahres Versuche gestartet, zu streamen … 

Online-Angebote und Streaming werden in der Zukunft stärkere ergänzende Angebote sein, die durchaus ihre Berechtigung durch die Pandemie eingefordert haben. Allerdings wird das Live-Erlebnis mit Publikum, sobald es wieder geht, immer an erster Stelle stehen.  

 

Verschiedene Theaterhäuser und Konzertagenturen hatten lange versucht, ganz vorsichtig ab April 2021 für neue Veranstaltungen bzw. Spielzeiten zu planen. Der Branchenriese CTS Eventim brachte Anfang Februar in einem Presse-Statement einen gültigen Impfpass ins Spiel, wenn es um Wiederaufnahmen und Zugang zu zukünftigen Events und Konzerten geht. 

Die Spaltung der Gesellschaft war nie ein guter Motor für Erfolg. Wir müssen dafür sorgen, dass ALLE wieder Kunst und Kultur genießen können.  Dazu braucht es gesellschaftlichen Zusammenhalt und keine absurden Ideen.

 

Wie erleben Deine Kinder diese Krisenzeit? In Frankreich kam es jüngst zu einer Vielzahl illegaler Raves. Vor allem junge Menschen wollten sich wieder „Luft verschaffen“ oder schlicht nicht vereinsamen in ihren ehemaligen Kinderzimmern, zu kleinen Studentenbuden oder WGs. Was droht da verloren zu gehen für diese Generation? 

Was ich bei meinen drei Kindern wahrnehme, ist die Tatsache, dass ihnen im jungen Alter, nach Schulabschluss oder während des Studiums, Begegnungen, Erfahrungen und Austausch verwehrt bleiben, die vielleicht nicht mehr aufzuholen sind. Eine Auszeit nach dem Abi, durch die Welt reisen oder berufliche Orientierung bekommen: das wird durch Lockdowns und Ausgangssperren logischerweise nicht befördert. Ein Studium, egal welches, wird durch Zoom-Vorlesungen oder digitale Präsentationen nicht lehrreicher. Und Song Releases, neue Tracks und Videos, wie bei meinem Sohn MUSSO, verharren, ohne live vor Publikum gespielt zu werden, in der digitalen Welt. Die Interaktion im echten Leben ist immer noch die beste Möglichkeit, sich und seine Persönlichkeit zu entwickeln. 

 

Dein eigenes Leben war von früh an mit Musik und Kunst eng verwoben: eine kurze Ode an die beiden zum Abschluss?

Musiker sein, Sänger sein, Songwriter sein, ist nicht nur Beruf, sondern an erster Stelle die Möglichkeit, sich durch eine Kunstform ausdrücken und, wenn man will, damit an die Öffentlichkeit gehen zu können. So halte ich das seit über 36 Jahren. Und kann an dieser Stelle auch deshalb nur abschließend die gute Initiative zum Erhalt der Kunst und Kultur erwähnen: „Ohne uns wird s still!“

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