#365.

Text: Jan Zeller

Foto: Daniel Wetzel

Ajla, die Schwester des in Hanau am 19. Februar ermordeten Hamza Kurtović, beschrieb in ihrer Abschiedsrede, dass sie nicht hasse, »da Hass nur zu mehr Hass führe«. Was sie im Rahmen der Trauerfeier der Stadt damals auch kurz skizzierte, war bezeichnend für die sogenannte freie Meinungsäußerung in unserer heutigen Zeit: nämlich, dass sich Personen seit dem Anschlag in fortwährenden Beschimpfungen und Diffamierungen gegenüber ihrer Familie in sozialen Netzwerken und über Social Media äußern würden. Sie wolle aber jene nicht noch mit Aufmerksamkeit belohnen und diesem Gedankengut Raum geben. Sie müsse es ja nicht lesen, würde mancher jetzt vielleicht sich leise denken. Richtig wäre: Es sollte nirgends stehen. Die Familie Kurtović sollte, wie all die anderen Angehörigen, Freunde und Bekannte von Opfern dieser und früherer rechtsextremer Terrorakte in Deutschland wenigstens in Ruhe trauern dürfen.

Ein Jahr ist seit der Tat von Hanau vergangen. Nicht zuletzt nach den jüngsten Recherchen der Frankfurter Rundschau scheint es sowohl an den rassistischen Motiven des Täters als auch an der perfiden Akribie in der Planung seiner Taten keine Zweifel mehr zu geben. »Mindest. 10 Menschen« schrieb demnach der Täter als Ziel auf ein Flipchart-Blatt, die er allein im Hanauer Zentrum am Heumarkt umbringen wollte. Auf einer anderen Skizze stand der Vermerk »Drin anfangen« über die beiden Lokale. Tobias R. ermordete in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 2020 zehn Menschen, unter ihnen auch seine eigene Mutter. Der 22-jährige Vili Viorel Păun, der noch versucht hatte, den Täter mit seinem Auto zu blockieren und ihn aufzuhalten, bezahlte seine Zivilcourage mit dem Leben – erschossen durch die Windschutzscheibe seines Mercedes. Mit einer »Czeska« – jenem Pistolentyp, mit dem auch der NSU tötete.

Der Täter plante den Terroranschlag keineswegs in totaler Isolation. Nach aktuellem Wissenstand hatte er diverse Kontakte zu einschlägigen Foren und Internet-Seiten. Auch an seiner Homepage, die im Oktober 2019 online ging und die er eine Woche vor der Tat komplett mit Videos und Texten zu seiner Motivlage bestückte, arbeitete er keineswegs allein. Seine eigenen Internet-Recherchen Ende Januar 2020 – nur wenige Wochen vor dem Terroranschlag – sollen übrigens verstärkt auch Schulen gegolten haben. 365 Tage ist das nun her. Und was uns als Außenstehende, als Gesellschaft, damals unmittelbar schockierte, sprachlos und wütend machte, wirkt heute schon wieder seltsam weit weg.

WIR…

Woher kommt das alles? Diese Weltbilder, der Hass? Was vermischt sich da an Persönlichkeitsstrukturen und Anschauungen, Ängsten, Wertevorstellungen und Feindbildern – verkrüppelt im unreflektierten Ausleben von Senden und Empfangen – und führt im Extremfall immer wieder auch zu Toten und Trauernden wie in Hanau? Scheinbar erstarken Ideologien und Nationalismus immer dort, wo soziale, kulturelle, ökonomische, politische – also gesamtgesellschaftliche – Entwicklungen als zu komplex, als ängstigend wahrgenommen werden. Vielleicht ist es aber auch viel banaler: dort, wo etwas als persönlich nachteilig, als »ungerecht« wahrgenommen wird. »Gerecht« ist allerdings weder etwas an den Morden in Hanau noch an dem Leid vieler Menschen auf Lesbos oder der Geflüchteten in Idlib. Ich wuchs in Nürnberg auf. In einer Stadt, die international für ihren Weihnachtsmarkt, Lebkuchen und die Nürnberger Prozesse bekannt ist. Ein Kind der 1980er-Jahre, Mittelschicht, Doppelhaushälfte. Privilegiert im doppelten Sinne. Denn auch mein Geburtsland habe ich mir nicht ausgesucht. Ich hatte das Glück eines liberal-offenen Elternhauses, politisch interessierter Großeltern. Und das Glück, meine Schwester zu haben und mit ihr aufzuwachsen. Zuhause wurde diskutiert und Werte so gut es ging vorgelebt. Ich rannte als deutsches Kind mit einer Gruppe Eriträer auf der Aschebahn um schnelle Trainingszeiten und hatte mit Zvonko einen Flüchtlingsjungen aus dem Kosovo in meiner Grundschulklasse, der gemobbt und gehänselt wurde. Billige Schuhe und dreckige Hosen soll er gehabt haben, »irgendwie stinken« angeblich auch. Aber die, die so über ihn sprachen, hatten keine Mehrheit. Am Ende war es nicht „cool“, so zu reden. Vor allem aber gab es noch nicht die Möglichkeit, Videos dazu ins Netz stellen, die mit Likes aus allen Himmelsrichtungen positiv hätten bewertet werden und die Egos der Täter damit noch hätten befeuern können. Es gab keine »Belohnung« und kein Anstacheln über irgendwelche reichweitenstarken Kanäle und Foren, keine Online-Hetzkampagnen, denen sich Tausende noch anschließen und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ihren Senf hätten dazu geben können wie, ja, wie eben heute. War es rassistisch? Ja. War der Spott gegenüber einem anderen meiner Mitschüler diskriminierend und diffamierend als er sich einmal im Unterricht einnässte und deshalb als »Schwuchtel« galt? Oder, ein paar Jahre später, das ständige Drangsalieren einer Gruppe Jungs sexistisch und frauenfeindlich, die eine Mitschülerin für ihre kleine Brust öffentlich demütigten und sie »Nutte« und »Schlampe« riefen? Ja. Aber warum ist all das politisch? Geben wir die Suchbegriffe »bullying« und »highschool« bei YouTube ein. Wer möchte, der addiere noch „disabled person“. Man findet eine Szene mit Ex-Präsident Donald Trump, wie er im November 2015 einen behinderten Reporter der »New York Times« auf offener Bühne nachäfft und verhöhnt. All dies ist politisch, weil es droht, schleichend zu einem akzeptierten Teil unseres Alltags zu werden – und damit in unserer Gesellschaft sukzessive ein bestimmtes Klima zu manifestieren. Viele der Kommentare zu dem Clip im Netz sprechen traurigerweise Bände. Zwischen der Liegnitzer Straße, dem Fußballstadion und dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände liegen im Nürnberger Süd-Osten jeweils nur rund fünf Minuten Fahrtzeit mit dem Auto. Keiner der drei Orte, keines der Ereignisse, die ich zu diesen drei Orten erinnere, steht im direkten Zusammenhang zum jeweils anderen. Und doch fallen sie mir jetzt alle wieder ein. Ein Grund dafür waren neben dem Terroranschlag von Hanau auch die Aussagen des deutschen Nationalspielers Antonio Rüdiger zum Thema Rassismus im Fußball Anfang März vergangenen Jahres. Rüdiger, der, bezogen auf Affenlaute von den Rängen im Stadion, die ihm galten, sagte, er habe sich »wie ein Tier und unfassbar allein gefühlt«. Ich war als Kind öfter im Frankenstadion. Der 1. FCN hatte einen Stürmer aus dem Senegal zu jener Zeit unter Vertrag. Er hieß Souleymane mit Vornamen. Es gab Affenlaute bei Spielen, auch Bananen flogen Richtung Spielfeld. Das war 1988. Der Sohn von Souleymane heißt Leroy. Jener Leroy Sané, Star bei Bayern München, 5. 7 Millionen Followern bei Instagram und wie Rüdiger deutscher Fußballnationalspieler. Und wie schon sein Vater wird auch Leroy in Stadien wie in Wolfsburg beim Länderspiel gegen Serbien noch heute rassistisch beleidigt. In Wolfsburg sogar aus den eigenen Reihen einiger deutscher Fans. Man kann darüber streiten, ob Fußball – oder Sport allgemein – politisch ist oder sein sollte. In den beispielhaften Fällen von Antonio Rüdiger, Leroy Sané oder des Hertha-Profis Jordan Torunarigha wurde – und wird – der erlebte Rassismus für sie politisch. Weil er sie diskriminiert, sie bewusst aus der Gesellschaft kicken will. Vielmehr verdeutlicht er aber einen Tenor, der sich tagtäglich auch auf unseren Straßen, an unseren Schulen oder am Arbeitsplatz finden lässt. Laut Antonio Rüdiger gebe es eben immer die, die rassistische Parolen brüllen, und jene, die danebenstünden und eben entscheiden müssten, ob sie sich dagegenstellen oder schweigen.

SIND…

Enver Şimşek war das erste Mordopfer des NSU. Am 9. September 2000 vertrat er einen Kollegen, verkaufte Sträuße und Sonnenblumen. In dieser Ecke Nürnbergs kannte fast jeder den Blumenwagen auf dem Parkplatz an der Liegnitzer Straße. Auch ich fuhr oft an dem Stand vorbei, er lag auf meinem Schulweg. Es dauerte elf Jahre, bis die acht tödlichen Schüsse auf den 38-jährigen Familienvater dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeordnet wurden. Acht Männer mit türkischen Wurzeln, einer mit griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin verloren zwischen 2000 und 2007 durch den NSU ihr Leben. »Ich habe Angst gehabt in meiner eigenen Wohnung.« Das sagte Kemal Kocak auf der Trauerfeier in Hanau am 4. März 2020. Er, der alle Opfer persönlich kannte. Der beschrieb, wie er, der »Hanauer«, wie er sich selbst nennt, nachts wach auf der Couch saß. Aus Angst um seine Frau, seine Kinder, nach den rassistischen Morden in seiner Stadt. Das rund zehnminütige Video dazu kann sich jeder ansehen. Fast zwanzig Jahre liegen zwischen diesen beiden Ereignissen. Wie viele Menschen haben seitdem wohl mehr Angst verspürt in unserem Land? Es gibt ein Buch mit dem Titel »Nie zweimal in denselben Fluss«. Enthalten sind Formulierungen wie die folgende: „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch" oder »Remigrationsprogramm«. Als zentrales Ziel seiner Partei fordere der Autor des Buches eine Säuberung Deutschlands von »kulturfremden« Menschen, so nachzulesen bei ZEITonline. in dem dazugehörigen Gastbetrag von Hajo Funke. Ferner stünden uns laut Buchautor »in der erhofften Wendephase harte Zeiten bevor, denn umso länger ein Patient die drängende Operation verweigert, desto härter werden zwangsläufig die erforderlichen Schnitte werden, wenn sonst nichts mehr hilft«. Mit zehn Jahren saß ich vor dem Fernseher und sah Aufnahmen von Asylsuchenden in Hoyerswerda, die unter lautem Beifall von bis zu 500 Menschen mit Brandflaschen und Steinen aus ihren Unterkünften vertrieben wurden. Ich weinte vor Wut und aus Angst davor, was im Sommer 1992 fast 3000 Neonazis und Sympathisanten vor den Augen der streckenweise vor dem Mob kapitulierenden Polizei in Rostock-Lichtenhagen grölend feierten. Als tagelange Belagerung in Angriffe auf die zentrale Asylaufnahmestelle und ein Wohnheim für vietnamesische Gastarbeiter gipfelte, Molotowcocktails flogen, Menschen sich in Panik in teils brennenden Häusern verbarrikadierten. Ein Pogrom, im Windschatten der hitzig geführten politischen und öffentlichen Asyldebatte der frühen 1990er-Jahre. Ich war elf, als in Mölln bei dem rassistischen Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnten Häusern drei Menschen starben und gerade zwölf geworden, als in Solingen fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen in den Flammen umkamen. Fallen all diese Ereignisse auch unter »erforderliche Schnitte, wenn sonst nichts mehr hilft«? Der Autor, der in seinem Buch über »Kulturfremde« schreibt, ist Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag sowie Landessprecher der AfD Thüringen. Das Gesicht des völkisch-nationalen Flügels in der Partei. Auf dem Sonderparteitag der AfD Mitte Februar 2020 in Böblingen würdigte die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bund, Alice Weidel, seinen Flügel als »ganz wichtige Strömung innerhalb der Partei«. Lobte Höcke dafür, dass die AfD nach der Landtagswahl 2019 in Thüringen »zum politischen Felsen geworden« sei, »an dem die etablierten Parteien wie Nussschalen zerschellen«. Rhetorik, Bilder, Wortwahl, Zeitpunkt: Man darf bei Frau Weidel davon ausgehen, dass sie sich ihres Motivs bewusst war. Es mag mühsam und vielleicht sogar kleinlich erscheinen in unserer so lauten heutigen Zeit, sich solcher Aussagen im Detail zu widmen, die doch auch unter »versendet« abgestempelt werden könnten. Auch ich schaue mir nach Feierabend lieber lustige Hundevideos an. Mühsamere Dinge haben da leider immer mehr Kontext, so auch damals Mitte Februar 2020. In Deutschland hatte man gerade mitbekommen, dass Präsident Erdogan damit drohte, die Grenzen der Türkei für Millionen Flüchtlinge zu öffnen als Weidel uns subtil und bildhaft auf die hohe See hinausführt. Mancher mag bei »Nussschalen« unbewusst an kleine Holz- oder gar Schlauchboote gedacht haben. Und Felsen, nun ja. Nicht jeder mediterrane Küstenverlauf besteht aus Sandstrand. Ihre Partei als Wächter und Bollwerk gegen all diese »Nussschalen«. In eben jenen gehen zwar nicht ausschließlich oder per se nur Flüchtlinge zu Zehntausenden auf dem Mittelmeer unter und ertrinken. Sie tun es aber eben auch. Ich habe als Kind mit dem Racket Tennisbälle gegen die Mauer der Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände gedroschen. Oft stundenlang bis zur Dämmerung. Viele taten das damals. Autorennen der DTM finden hier statt, das Musik-Festival »Rock im Park«. Es war ein alltäglicher Ort für mich, der seine historische Bedeutung zu einer Zeit erlangt hatte, als es mich noch lange nicht gab. Und doch wusste man, wo man da spielte – und für welches Regime und aus welcher Weltanschauung heraus dieses architektonische Travertin-Monster errichtet worden war. Höckes Rhetorik oder Anschauung mit jener der gesamten AfD gleichzusetzen wäre genauso falsch, wie ihm pauschal die Ideologie des NS-Regimes im Dritten Reich zu unterstellen. Es mag Auslegungssache sein, inwieweit man die Symbolik und Auswirkung verwendeter Sprache verantwortlich machen darf dafür, was beides bei der Zuhörerschaft bewirkt. »Die eine« AfD gibt es nicht, genauso wenig wie »den einen« AfD-Wähler. Richtig ist, dass es gemäßigte rechtskonservative Stimmen in der AfD gibt. Richtig ist aber ebenfalls, dass es auch andere gibt. Weidel, die zum bürgerlichen Flügel ihrer Partei gezählt wird, lebt offen lesbisch. Ihre Schweizer Ehefrau, mit der sie zwei Söhne hat, wurde als Kind aus Sri Lanka adoptiert. All das könnte sie zu einem Aushängeschild für gelebte Toleranz machen. In einem Interview schilderte sie mal, wie sie Vorbehalte einzelner Parteimitglieder der AfD gegen ihre sexuelle Orientierung und ihr Lebensmodell verletzt hätten. Sie beklagte öffentliche Ressentiments und Beschimpfungen gegenüber ihren Kindern als »Scheiß-Weidel« oder »Scheiß-Nazis«. Ist Mist, richtig. Und sollte nicht stattfinden. Mist ist aber auch «Scheiß-Kanake«, »Scheiß-Flüchtling«, »Neger-Schlampe« oder »Homo«, was jedoch nicht jeder aus ihrer Wählerschaft zwingend so sehen dürfte. In den drei Wahlbezirken in Thüringen, die an die Gedenkstätte Buchenwald grenzen, kam die AfD im Durchschnitt auf 21 Prozent der Stimmen. Das sind nicht 21 Prozent Ausländerfeindliche, Rechte, Rassisten, Antisemiten, Radikale oder gar Neonazis, die toll finden, was Hitler da Schönes hat bauen lassen. Müssten wir uns nicht vielmehr fragen, warum eine Partei vor allem dort überall im Land erstarkt, wo prozentual im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung die wenigsten Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund leben? Zeigt es nicht eher, dass wir Integration und Gesellschaft aktiver erleben und auch lernen müssen – und Mahnmale allein eben nicht ausreichen?

ALLE…

GLEICH!

Wir möchten uns bei allen Mitwirkenden an diesem Beitrag bedanken.

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